Buchbesprechung: Vincent Voss – Frischfleisch: Nullpersonen

Alter Schwede, beißt uns Vincent Voss hier brutal in die Fresse. Ein atemberaubender Ritt in den Untergang der Menschheit!

Lecker Frischfleisch für die Bevölkerung

Immer wenn ein neuer Vincent Voss-Roman auf den Markt kommt, beginnt es bei mir im Bauch zu kribbeln. Was erwartet mich als Leser dieses Mal? Der Norddeutsche kann Krimi (Töte John Bender!), Psychothriller (Tödlicher Gruß | hier geht es zu meiner Buchbesprechung), Coming-of-age Stories (Wasser) und Horror (172,3).

2012 versuchte sich Vincent erstmals an einem Zombieroman. Faulfleisch (meine Rezension zu Faulfleich findet ihr hier). Dabei ging er bereits damals seinen eigenen Weg und beugte sich nicht den gängigen Genrekonventionen. Faulfleisch erzählt eine Zombieapokalypse im Entstehen – als die Welt noch ’normal‘ war. Star waren also nicht die Zombies, sondern die lebendigen Charaktere und die dichte Atmosphäre.

Jetzt, vier Jahre später, ist mit Frischfleisch: Nullpersonen endlich der lang ersehnte Nachfolger erschienen.

Vincent Voss – Frischfleisch: Nullpersonen im Verlag Torsten Lows (Buchumschlag)

Kapitel 1 – Voss auf Radio Gamma a. k. a. Umschlag und Haptik

Gleich auf dem Cover lässt sich der Fortschritt, den der Autor in den vergangenen Jahren gemacht hat, erahnen. Konnte mich das triste Cover von Faulfleisch wenig begeistern, wirkt der von Timo Kümmel – der ja auch für die letzten Mängelexemplare-Bände verantwortlich zeichnete – gestaltete Umschlag viel professioneller und kreativer als bei vergangenen Werken.

An der Druckqualität gibt es nichts zu bemängeln. Kein graues Recyclingpapier, das beim Umblättern einreißt und auf dem sich die blasse Schrift kaum abhebt, sondern eine robuste Konstruktion, bei der ich auch in der Dämmerung die Buchstaben gut entziffern konnte.
Meinen üblichen Härtestest mit Badewannenbesuch, Strandlektüre und dem Verschütten etwaiger Getränke hat das Buch problemlos überstanden.

Die ersten Pluspunkte!

Kapitel 15 – Der Voss und der Eulenwald a. k. a. Die Geschichte

Die Handlung setzt nahtlos am Ende von Faulfleisch an und führt die Geschichte weiter. Achtung, wer Faulfleisch noch nicht gelesen hat, sollte eventuell gleich zum Fazit übergehen!.

Der Protagonist aus Faulfleisch, Liam, ist tot. Und mit ihm Sohn Jack. Wurde die Story im ersten Teil hauptsächlich von Liams Schicksal getragen, wird in Frischfleisch: Nullpersonen schnell deutlich, dass sich das Problem unaufhaltsam vergrößert hat:

Norddeutschland ist zu einem Brennpunkt geworden. Neue Zombiehotspots ploppen im Minutentakt auf. Alle Bevölkerungsschichten sind betroffen, kämpfen ums Überleben. Versuchen zu retten, was wohl kaum noch zu retten ist.

Vincent schildert die Ereignisse episodenhaft, erzählt in über 60 meist kurzen Kapiteln kleine Geschichten, offenbart dem Leser einzelne, miteinander verknüpfte Fragmente, aus denen er langsam ein angsteinflößendes Gesamtbild konstruiert: die Apokalypse.
Wir erleben die die kesse Radiomoderatin Kesha, fiebern bei einer Gruppe Schüler mit, hoffen auf die Stärke des knallharten Offiziers Adler, hassen die machthungrigen Politiker und bemitleiden den LKW-Fahrer Ronnie. Es gibt Polizisten, Einsatzleiter, Rettungssanitäter und, und, und. Außerdem begegnen wir einigen Charakteren aus dem Vorgänger wieder.
Nicht alle schaffen es, in mehr als einem Kapitel aufzutreten … 😉

Das klingt erst einmal nach einem gewaltigen Overkill, aber wisst ihr was?

Jede. Dieser. Personen. Ist. Lebendig. Authentisch. Wichtig!

Denn neben der Handvoll Hauptprotagonisten tragen alle Nebencharaktere dazu bei, die Geschichte voranzutreiben. Einzelne Pfade kreuzen sich, wieder andere Storyfäden lösen etwas aus, das wiederum die Geschicke eines weiteren Handlungsstrangs beeinflusst. Chapeau, Vincent, das hast du wunderbar ausgetüftelt und zu Papier gebracht!

Und selbst wenn den Nebendarstellern oft nicht mehr als zwei, drei Seiten bleiben, um ihren Zweck zu erfüllen (und ehe sie brutal, grausam, gory weggemetztelt werden), so habe ich doch jedes Mal mitgelitten, wenn das Unabwendbare eintrat.

Insgesamt hat sich Vincent Voss sprachlich enorm weiterentwickelt. Das Tempo des Romans ist unglaublich hoch, vor allem durch die vielen kurzen Kapitel und die ständig wechselnden Handlungsorte und Personen. Die ganz sicher bewusste Entscheidung für diese Herangehensweise, die eher an klassische Katastrophenfilme (und natürlich auch -bücher) erinnert, ist geschickt gewählt, um der ganzen Tragweite des unglaublich schnell um sich greifenden Phänomens gerecht zu werden. Die Actionszenen laufen wie in einem Film ab, hier eine Explosion, dort ein Unfall, weiter hinten stöhnende Zombies. Und mittendrin sind wir.
Dennoch findet der Autor immer wieder Zeit, im rechten Moment das Tempo gezielt für einige kurze Momente herunterzufahren, um den Leser eine Atempause zu gönnen … nur um es danach noch härter krachen zu lassen.Geil!

Das Finale ist furios und actionreich – alle Fäden laufen zusammen und werden zufriedenstellend aufgelöst. Trotzdem kommt das Ende für meinen Geschmack ein klein wenig zu plötzlich und abrupt. Hier hätte ich den Protagonisten noch fünf bis zehn Seiten mehr gewünscht – aber das ist Meckern auf ganz hohem Niveau 🙂

Kapitel 36 Vincent und Jack gehen Zelten a. k. a. Das Fazit

Alter Schwede, beißt uns Vincent Voss hier brutal in die Fresse. Ein atemberaubender Ritt in den Untergang der Menschheit.
Ich wollte eigentlich viel, viel mehr Punkte anführen und hoffe, es gelingt mir wenigstens im Fazit, meine Gedanken etwas zu sortieren und das Wichtigste sinnvoll zusammenzufassen:

Frischfleischige Pluspunkte

  • Cover und Buchqualität (Haptik, Druck, Stabilität etc. pp.) sind super
  • spannender Ansatz, der dem doch recht ausgelutschten Zombie-Kanon eine neue, frische Note verleiht
  • das Lektorat ist gut. Es gibt nur einige wenige (kleinere) Schnitzer (dazu mehr beim Negativen)
  • viele blutige Szenen, ohne dabei abstoßend eklig zu werden – hier hat Vincent m. E. genau das richtige Maß gefunden
  • abwechslungsreiche Charaktere, die lebendig und authentisch sind – ich habe bei allen mitgefühlt oder sie gehasst
  • alle Personen treiben die Handlung voran, erfüllen eine Funktion – ein echt ausgeklügeltes Netz, Chapeau!
  • das (meist sehr hohe) Tempo ist wohl gewählt und trägt die bedrückende, niederschmetternde Thematik des Buchs ausgezeichnet, dennoch bleibt genug Raum, dass der Autor seine sprachliche Gewandtheit (klasse Weiterentwicklung seit Faulfleisch) zum Ausdruck bringen kann
  • sehr gute Recherchearbeit was Berufe, Orte, Details … angeht – ganz wichtig, wenn ein Buch mit so vielen unterschiedlichen Charakteren funktionieren soll
  • jedes Kapitel beginnt mit einem passenden Filmzitat – eine nette Idee 🙂

Fauliges

Achtung: Meckern auf hohem Niveau!

  • in wenigen Fällen wiederholen sich einige Wörter auffallend häufig bzw. taucht eine Wortgruppe zweimal an ähnlicher Stelle auf (wahrscheinlich bei der Überarbeitung passiert)
  • einige Kommafehler, aber das stört den Lesefluss nur in den wenigsten Fällen
  • kleinere Logikpunkte sind mir aufgefallen, z. B. wird der Professor von anderen Akademikern als Dr. angesprochen – das wird dort nicht vorkommen: entweder kein Titel (manchmal, wenn gleichrangig) oder der korrekte Titel – und auch die Handlungsmechanismen der Bundesregierung kamen mir manchmal ein wenig weit hergeholt vor – aber hey, es ist ein Horrorroman und kein Politthriller 🙂
  • durch die häufig hin und her springende Handlung an verschiedene Orte/zu verschiedenen Personen, die ich als großen Pluspunkt ausgemacht habe, wird dem Leser einiges an Aufmerksamkeit abgefordert – ich möchte es mal erwähnt haben, aber selbst ich als jemand mit ganz schlechtem Gedächtnis und einer schwachen Konzentration konnte gut folgen

The Nutshell

Insgesamt ergibt sich für mich durch die vielen Pluspunkte – vor allem die tolle Idee, die super Umsetzung, das ansprechende Cover und das – trotz des Themas Zooooombies – gesunde Maß an Härte, das niemals den Grad „eklig“ erreicht –, denen wenig Kritikpunkte entgegenstehen, ein mehr als positives Fazit.

Ich gebe Frischfleisch: Nullpersonen 4,5 bzw 9/10 Punkte. Beschließen möchte ich meine Besprechung mit einem Auszug aus dem Klappentext des Buches:

„Zu jeder Zeit hat der Leser das Gefühl, es könnte wirklich so passieren.
Direkt in der Nachbarschaft.
Jetzt!
Hier!“


Schreibe einen Kommentar